2015 „Uns wirst du nicht mehr los“

Dieses Musiktheaterprojekt handelt von der Bewältigung von post-traumatischen Folgen seelischer Folterung, auch als „operative Psychologie“, „Zersetzungsmaßnahmen“ oder „weiße Folter“ Methoden der Stasi in der ehemaligen DDR. Der Titel „Uns wirst du nicht mehr los“ bezieht sich auf die Auswirkungen dieser traumatischen Erlebnisse, die oft auch noch an die nächste Generation weitergegeben werden.

Die Regisseurin Cornelia Heger, die auch für Text und Bühne verantwortlich zeichnet, setzt diese sehr verinnerlichten Wirkungen auf einer leeren Bühne um, die nur mit einigen verschiebbaren Gittertoren verhangen ist. Das schafft einen Innen- und Außenraum. Da sich aber die Aktionen unentwegt entweder vor oder hinter diesen Gittern abspielt, entsteht auch der Eindruck, dass diese Verfolgung und Folter allgegenwärtig war. Es gab keinen sicheren Ort, keinen vertrauenswürdigen Menschen. Selbst der Vater oder das Kind konnte ein Denunziant sein.

Vivian Lüdorf als Vater und Mareike Zwahr als Tochter verkörpern so ein Beispiel. Sie sind einerseits die Marionetten der Ideologie, anderseits ihre Opfer. Eine weißköpfige Sprechpuppe dient als Sprachrohr dieses perfiden Überwachungssystems.

Über Videoprojektionen werden Interviews mit Zeitzeugen und mehreren Wissenschaftlern zum Thema TraumaForschung eingeblendet. Ziel ist sowohl, mit Mitteln des dokumentarischen Theaters den theoretischen und staatsrechtlichen Überbau des paranoiden DDR-Überwachungssystems aufzuzeigen und den Aussagen von Zeitzeugen gegenüberzustellen, als auch unter Anwendung aktueller Erkenntnisse der Traumaforschung die logische wie brisante Schlussfolgerung nahezulegen, dass psychische Folter ihre Wirkung über Generationen behält, auch wenn das politische System, das sie erzeugte, längst nicht mehr existiert.

Die Zitate der Stasi-Offiziere, die in den Audiozuspielungen zu hören sind, entstammen Dissertationen, die an der “Juristischen Hochschule” des Ministeriums für Staatssicherheit in Potsdam/Golm entstanden sind.

Tobias Klich ist verantwortlich für die Komposition und musikalische Einstudierung der Klänge. Er hat probiert, das Unsagbare der weißen Folter hörbar zu machen. Hierzu hat er sich einer Gitarre bedient, die von drei Musikern “operativ bearbeitet” wird, indem sie jeweils mit einem Bogen auf Zahnseiden spielen, die an den Gitarrensaiten befestigt sind. Zwischen den Gitarrensaiten gesteckte Nägel deformieren dabei die klangliche Identität des Instruments. Auch hier soll der Effekt auf die „Zersetzungsmaßnahmen“ deuten. Später treten zwei Posaunisten auf, die durch ihre Instrumente sprechen und spielen, wobei eine deutliche Verfremdung entsteht. Diese Szenen dienen als Untermalung eines akustisch eingespielten Interviews mit dem Zeitzeugen Mathias Kreibich. Die Klänge werden über Lautsprecher in den Zuschauerraum projiziert.

Insgesamt ein musiktheatralisches Projekt, das einen vor Kälte erschauern lässt. Das Publikum goutiert die Bestrebungen der Künstler mit warmem Applaus.

Zenaida des Aubris, Kulturmagazin „Opernnetz“ 2015

2014 Belshazzar

Georg Friedrich Händel

Eine von dramatischer Wucht erfüllte Chortragödie, „Belshazzar“ von Georg Friedrich Händel zog die Zuhörer in St. Egidien in den Bann. Cornelia Heger aus Berlin setzt am Regiepult visionäre Akzente (Bühne Fred Pommerehn). Auf einer hochgestuften Tribüne nehmen Choristen und Solisten ihre Plätze ein. Die Handlung wird „semi-stage“ im Sinne eines Tribunals vorgeführt. Dabei konzentriert sich die Kernfrage auf das Problem „Überleben der Menschheit“…So mutiert hier die Umweltkrise zum eigentlichen, aktuellen Menetekel der Menschen… So überwölbt ein weltumspannender existentieller Ansatz das Leben der Menschen. Veranschaulicht wird dies durch Schicksalsfäden, welche die Tänzer wie ein gesponnenes Netz über Darsteller und Bühne legen, die das unentrinnbare Verbunden-Sein aller in einen drohenden Untergang des Planeten signalisieren.

Egon Bezold, Nürnberger Zeitung 2014

In der zentralen Szene, in der das Rätselwort „Mene, mene, tekel, u-pharsin“ erscheint, endet das Video-Dasein der Tänzer und sie greifen livehaftig als mystische Hände ein, die das „gezählt, gezählt, gewogen, geteilt“ an die Mauer schreiben. Da, wo die Internationale Orgelwoche mit ihren Klang-Collagen derzeit eine Lehrstelle aufmacht, füllt so eine profilierte zeitgemäße Oratoriendeutung das Vakuum. Absolut festspielwürdig!

Jens Voskamp, Nürnberger Nachrichten 2014

2006 As I Crossed a Bridge of Dreams

Peter Eötvös

Wundersamer als mit dem aus Musik, Gesten, Licht, Gewändern, Körperhaltungen zusammengewirkten Klangtheater „As I Crossed a Bridge of Dreams“ vor Peter Eötvös, aufgeführt im Haus der Berliner Festspiele, konnte die MAERZ-MUSIK gar nicht beginnen. Das Stück singt gewissermaßen vor allem mit den Händen. Sie gehören dem einzigartigen Vivian Lüdorf. Die Aufführung gleicht einem zarten Wunder. Es setzt gemessenen Schrittes einen unvergeßlichen Ausflug ins zerbrechliche Reich theatralischer Phantasie.

Cornelia Heger hat die Traumlandschaft japanischer Seelen den Zuschauern hingebreitet.

Klaus Geitel, Berliner Morgenpost 2006

2005 „St. Jago“ – Bilder und Szenen zu Kleist

Dieter Schnebel

Die Aufführung durch das Kammerensemble Neue Musik unter der Leitung von Steffen Tast und der Regie von Cornelia Heger nutzt die akustischen und räumlichen Möglichkeiten des Werner-Otto-Saals optimal. Wenn in der genauen Mitte des Stücks – in der „schönsten Nacht, voll wunderlichten Duftes, so silberglänzend und still, wie nur ein Dichter davon träumen mag“ – Menschen, Licht und Musik zu jener utopischen Ruhe finden, zur „Seligkeit, als ob es das Tal von Eden gewesen wäre“, dann stellt sich ein Moment von Glück ein, der nicht von Dauer sein kann…

Wolfgang Fuhrmann, Berliner Zeitung 2005

[…] und die jungen Darsteller agierten in einem enigmatisch mit Bildrätseln vollgestellten Bühnenbild mit bezwingender Intensität.

Eleonore Büning, FAZ 2005

2005 Der Kaiser von Atlantis

Viktor Ullmann

Cornelia Heger bringt die allgemeingültige Parabel dahinter zum Vorschein. Weder belästigt sie mit plumpen Verweisen auf die Nazi-Herrschaft, noch mit einem blutrünstigen Aberwitz à la Schlingensief. Stattdessen erscheinen die Figuren, ähnlich wie bei einem Brecht`schen Lehrstück, als allegorische Typen… Das Hochartifizielle dieser Inszenierung wird dadurch bekräftigt, dass stets mehrere Unterszenen simultan ablaufen.

Eine beeindruckende Regieleistung, die auch musikalisch überzeugt.

Antje Rößler, Neues Deutschland 2008

2002 MICHAELs JUGEND“ vom DONNERSTAG AUS LICHT

Karlheinz Stockhausen

Das Verblüffende an diesem Stockhausen-Abend ist, dass er so anrührend wirkt. Waren wir nicht gewöhnt, uns an dem Meister zu reiben oder ihn verehren zu müssen: ihn, den raunenden Ego(scha-)manen mit galaktischem Kunstanspruch, der zu Weihe oder Widerspruch herausfordert? Von alldem war nichts zu spüren bei der deutschen szenischen Erstaufführung von „MICHAELs JUGEND“ bei der MarzMusik im Haus der Berliner Festspiele. Erstmals hatte der Komponist erlaubt, einen Teil des Zyklus unabhängig von seinen eigenen Anweisungen aufzuführen.

Regisseurin Cornelia Heger schraubt Stockhausens Privatmythologie glücklich vom Allgemeinen ins Besondere zurück. Deutlich waren nun die Menschen hinter den Maskierungen zu erkennen…MICHAELs JUGEND“ also als bildkräftige Erzählung eines absonderlichen Lebenswegs zum Avantgardekünstler. Naiv gedeutet? Warum nicht!

Der Regiseurin gerät es zu einem berührend-eindringlichen Annäherungsversuch an eine Künstlerpersönlichkeit, die deutlich Stockhausens Züge trägt.

Carsten Niemann Der Tagesspiegel 2002

2000 Temistocle

Johann Christian Bach

Wie Cornelia Heger souverän ihre theatralische Metapher des Irrationalen handhabt in einem Ballett fallender, schwebender und verschwindender Bälle, aber auch wie sie die barocken Figuren führt, die allesamt hervorragend typengerecht gespielt werden von einem durchweg beeindruckenden jungen, hochbegabten Sängerensemble, das nötigt Respekt ab und begeistert, ja berührt nachdrücklich. Es sind eben nicht immer die großen, etablierten Opernbühnen, die die eigentlichen Sensationen hervorbringen.

Dr. Dieter David Scholz, WDR Musikszene 1999

1998 TRIEST

Philip Meyers

Der Abend kommt wie auf Zehenspitzen daher. In einer Zeit, in der das Kulturkarussell sich immer schneller, bunter und sensationeller dreht, gestaltet die Berliner Kammeroper eine ganz leise und hochsensible Uraufführung. TRIEST setzt sich mit menschlichen Befindlichkeiten, mit den Nuancen zwischen Mitgefühl und Gleichgültigkeit auseinander.

Die Regisseurin Cornelia Heger hat zarte Posen, Tanzschritte, Handbewegungen zum Thema gefunden, eine ganze Choreographie der Beziehungs-Tristesse. Die Geschichte spielt im Dämmerlicht, zur „Stunde der Halbwahrheiten“, wie der Librettist es nennt. Die Inszenierung spürt diese Atmosphäre hellhörig auf. Das absolut stimmige Zusammenspiel zwischen Musik, Worten und Bildern macht den Abend im Ballhaus Naunystraße zum feinsinnigen Genuß.

Martina Helmig, Berliner Morgenpost 1998

1997 „Am Himmel wandre ich…“ (Indianerlieder)

Karlheinz Stockhausen

Ausverkauft und umjubelt waren alle Vorstellungen von Stockhausens „Am Himmel wandre ich…“. Die strenge Schönheit dieser sichtbaren Musik ist erstaunlicherweise überhaupt noch nicht abgegolten! Sie wirkt unmittelbar, woran die jugendliche Glut der beiden Hauptdarstellerinnen gewiß erheblichen Anteil hat. Die Stimmen der beiden küssen sich und verschmelzen zu einer einzigen, flirrend vogelartig trillernden; sie driften auseinander, fauchen, keifen, flüstern. Und die nach Art des fernöstlichen Theaters verlangsamten, beschleunigten Bewegungen der Sängerinnen singen mit, sie versteinern in slow motion zu kindlich einfachen, fremdem Tableaus. Währenddessen wandert graublau auf der Leinwand im Hintergrund in einer live-Videoproduktion vorbei, was der Himmel über Rheinsberg augenblicklich so an Wolken zu bieten hat. Keine Geste ist zuviel, kein Ton nur Ornament.

Eleonore Büning, FAZ 1997