Dieses Musiktheaterprojekt handelt von der Bewältigung von post-traumatischen Folgen seelischer Folterung, auch als „operative Psychologie“, „Zersetzungsmaßnahmen“ oder „weiße Folter“ Methoden der Stasi in der ehemaligen DDR. Der Titel „Uns wirst du nicht mehr los“ bezieht sich auf die Auswirkungen dieser traumatischen Erlebnisse, die oft auch noch an die nächste Generation weitergegeben werden.

Die Regisseurin Cornelia Heger, die auch für Text und Bühne verantwortlich zeichnet, setzt diese sehr verinnerlichten Wirkungen auf einer leeren Bühne um, die nur mit einigen verschiebbaren Gittertoren verhangen ist. Das schafft einen Innen- und Außenraum. Da sich aber die Aktionen unentwegt entweder vor oder hinter diesen Gittern abspielt, entsteht auch der Eindruck, dass diese Verfolgung und Folter allgegenwärtig war. Es gab keinen sicheren Ort, keinen vertrauenswürdigen Menschen. Selbst der Vater oder das Kind konnte ein Denunziant sein.

Vivian Lüdorf als Vater und Mareike Zwahr als Tochter verkörpern so ein Beispiel. Sie sind einerseits die Marionetten der Ideologie, anderseits ihre Opfer. Eine weißköpfige Sprechpuppe dient als Sprachrohr dieses perfiden Überwachungssystems.

Über Videoprojektionen werden Interviews mit Zeitzeugen und mehreren Wissenschaftlern zum Thema TraumaForschung eingeblendet. Ziel ist sowohl, mit Mitteln des dokumentarischen Theaters den theoretischen und staatsrechtlichen Überbau des paranoiden DDR-Überwachungssystems aufzuzeigen und den Aussagen von Zeitzeugen gegenüberzustellen, als auch unter Anwendung aktueller Erkenntnisse der Traumaforschung die logische wie brisante Schlussfolgerung nahezulegen, dass psychische Folter ihre Wirkung über Generationen behält, auch wenn das politische System, das sie erzeugte, längst nicht mehr existiert.

Die Zitate der Stasi-Offiziere, die in den Audiozuspielungen zu hören sind, entstammen Dissertationen, die an der “Juristischen Hochschule” des Ministeriums für Staatssicherheit in Potsdam/Golm entstanden sind.

Tobias Klich ist verantwortlich für die Komposition und musikalische Einstudierung der Klänge. Er hat probiert, das Unsagbare der weißen Folter hörbar zu machen. Hierzu hat er sich einer Gitarre bedient, die von drei Musikern “operativ bearbeitet” wird, indem sie jeweils mit einem Bogen auf Zahnseiden spielen, die an den Gitarrensaiten befestigt sind. Zwischen den Gitarrensaiten gesteckte Nägel deformieren dabei die klangliche Identität des Instruments. Auch hier soll der Effekt auf die „Zersetzungsmaßnahmen“ deuten. Später treten zwei Posaunisten auf, die durch ihre Instrumente sprechen und spielen, wobei eine deutliche Verfremdung entsteht. Diese Szenen dienen als Untermalung eines akustisch eingespielten Interviews mit dem Zeitzeugen Mathias Kreibich. Die Klänge werden über Lautsprecher in den Zuschauerraum projiziert.

Insgesamt ein musiktheatralisches Projekt, das einen vor Kälte erschauern lässt. Das Publikum goutiert die Bestrebungen der Künstler mit warmem Applaus.

Zenaida des Aubris, Kulturmagazin „Opernnetz“ 2015